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Feature in SILVER 16

/ 4 Juli 2008

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Hightech-Sanitäter

Ein Job mit etlichen Problemen, aber nahezu genauso vielen Erfolgserlebnissen: Die Datenretter des Wiener Unternehmens Attingo haben sich auf die Reanimierung verlorengegangener Bits & Bytes verlegt. Das verlangt Know-How.

„Eigentlich Routine … dachte ich, als ich die Partition auf dem Mailserver meines Kunden im laufenden Betrieb vergrößern wollte. LVM kann so etwas, ich hatte das bereits zig Mal auf anderen Servern gemacht und nie Probleme damit gehabt. Aber es gibt immer ein erstes Mal. So auch hier: als ich das vergrößerte Dateisystem wieder eingehängt hatte, war es leer. Dutzende Gigabytes firmenrelevanter Mails waren weg, das Verzeichnis leer. Einen kräftigen Schweißausbruch und 10 Minuten später war das Problem gelöst, das Dateisystem repariert. Aber der Schreck saß tief. und ich dachte über das Erlebte nach. Was hätte ich getan, wenn ich das Problem nicht selber hätte lösen können? Ich dachte an Datenrettungsunternehmen, an Reinräume und vermummte Gestalten, gebeugt über klinisch tote Festplatten … “

Nicht selten hängt die wirtschaftliche Existenz eines Unternehmens an seinen Daten, der Verlust von firmenrelevanten Daten führt oft ins unternehmerische Aus. Das Bewusstsein dafür ist in vielen Unternehmen nicht vorhanden, Investitionen in professionelle Backup-Lösungen werden gescheut. Umso härter das Erwachen beim Eintreten des Datenverlusts, sei es durch Brand, Wasser oder simples Hardware-Versagen. Sind die Daten erst einmal weg, wäre dem Unternehmer meist jede Investition recht, um sie wieder zu erhalten. Wenn dann professionelle Datenretter dabei helfen können – zu fairen, dem Aufwand angemessenen Preisen – ist ihnen der Dank der „geretteten“ Kunden gewiss.

Ein solches professionelles Datenrettungsunternehmen ist Attingo. 1996 gegründet, hat das österreichische Unternehmen seinen Hauptsitz in Wien/Döbling, verfügt aber – Festplattenabstürze sind ein internationales Phänomen – mittlerweile über Dependancen in Deutschland, Belgien, England, Frankreich und den Niederlanden. In Österreich sind fünf Mitarbeiter als professionelle Datenretter für Attingo tätig. Das operative Herzstück ist das moderne Reinraum-Labor in Wien, Geschäftsführer des Unternehmens ist Dipl. Ing. Nicolas Ehrschwendner (34). Mit 90 Prozent Erfolgsquote bei der Wiederherstellung verloren gegangener Daten weist Attingo eine beachtliche wie beruhigende Bilanz auf.

Unter dem Begriff „Datenrettung“versteht man die Wiederherstellung von elektronisch gespeicherten Daten, von Medien wie Festplatten, Magnetbändern, optischen Medien (CDs, DVDs) sowie Flash-Speichern. Sei es schlichtes Hardware-Versagen infolge Defekt oder Handhabungsfehlern (Notebook fällt runter …), seien es gelöschte oder überschriebene Daten (irrtümlich oder gar vorsätzlich), die Rekonstruktion solcher Daten ist zentrale Tätigkeit des Datenretters. Dieser Job ist, wenig überraschend, gar nicht so einfach.

Auch wenn es keine Standard-Biographie für Datenretter gibt, gibt es doch ein paar Eigenschaften, die man mitbringen sollte, egal, aus welcher Vorgeschichte heraus man sich für diese Arbeit interessiert.

Attingo unterscheidet hier zwischen physikalischem und logischem Labor. Ersteres befasst sich mit Mechanik und Elektronik, hier finden etwa Absolventen einer Mechatronik-Elektronik-HTL ihren Traumjob, aber auch engagierte Hobby-Modellbauer mit Elektronikkenntnissen bringen die notwendigen Eigenschaften eines Datenretters mit.

Der Umgang mit der hochpräzisen Mechanik geöffneter Festplatten erfordert nämlich nicht nur eine ruhige Hand, sondern auch eine defensive und überlegte Vorgangsweise. Auch wenn bei Attingo prinzipiell nur auf Kopien der Kunden-Medien gearbeitet wird, so eine Kopie will erst einmal erstellt sein. Neue Festplattenmodelle werden kontinuierlich analysiert, um entsprechende Verfahren zu entwickeln. Wie können Lager getauscht, Festplattenköpfe ersetzt werden, wie lässt sich die Firmware auslesen und manipulieren? Ist der mechanische Aufbau gleich wie der des Vorgängermodells, worin unterscheidet er sich?

Im logischen Labor findet man hingegen versierte Programmierer, mit ausgeprägtem Willen zum Reverse-Engineering. Hier werden Dateisysteme und Algorithmen analysiert, verstanden und nachgebildet. Egal ob physikalisches oder logisches Labor: Attingo setzt keine bestimmte Schulbildung voraus. Neben den technischen Grundlagen ist hohes Interesse, permanenter Lernwille und Erfahrung alles.

Ein Datenretter muss gut darin sein, eine technische Problemstellung zu analysieren, und zu entscheiden, mit welcher Strategie er/sie dieses Problem zu lösen versucht. Oft sind die Aufträge von bekannter Natur, genauso oft kann es aber notwendig sein, neue Wege für neue Aufgabenstellungen zu finden. Das Entwickeln entsprechender Verfahren und Software-Tools gehört zum Job der Datenretter, hier ist Kreativität und Vorstellungsvermögen gefragt, vom technischen Grundlagenwissen ganz zu schweigen.
Weiters ist stetige Fortbildung unverzichtbar, einerseits „on the job“, andererseits in Form spezifischer Trainings.

Die Auslastung ist, geschuldet dem Charakter der Tätigkeit, wenig vorhersehbar: bei Attingo wird 24×7-Service angeboten, es gibt gängige Arbeitszeiten und dazu stetige Bereitschaftsdienste. Die tatsächlichen Einsätze richten sich nach dem jeweiligen Arbeitsaufkommen, manchmal passiert eine Woche lang kein einziger Einsatz außerhalb der „normalen“ Arbeitszeit, dann wieder fünf high-priority-Jobs an einem Wochenende. Flexible Arbeitszeiten, „on-demand“, sowie Zeitausgleich bei geringem Arbeitsaufkommen, sind hier an der Tagesordnung. Die Tatsache, daß die Attingo-Mitarbeiter sich selbst überwiegend als Nachtmenschen bezeichnen, hilft hier ungemein.

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